Martin Recke

Co-Founder @nextconf, corporate editor @AccentureSong, PR guy, blogger, journalistic background, political scientist, theology, singer, father, landlord, roman-catholic.

Manufactum 2.0

Bei uns schlägt seit Jahren der Manufactum-Katalog gleich in doppelter Ausführung auf, und ich lese die kulturkritischen Elaborate von Thomas Hoof nach wie vor mit Genuss. Nur mit dem Web tut sich Manufactum ähnlich schwer wie fast alle Versender, die unter dem Zwang zum Multichannel und dessen Bürden ächzen.

Weniger einsturzgefährdet sind Neubauten ohne Altlasten aus Vor-Netz-Zeiten. DaWanda ist eine Art Manufactum ohne ideologischen Überbau, ohne Hinterlassenschaften aus der industriellen Hochzeit und ohne klassisches Versandgeschäft.

DaWanda

Also ganz anders, aber doch verwandt in der Zielgruppenansprache. Denn auch DaWanda wendet sich – à la Etsy – an

eine kaufkräftige und anspruchsvolle Zielgruppe, die für erstklassige Produkte, aufwendige Herstellungsverfahren und den persönlichen Kontakt zum Produzenten den entsprechenden Preis zu zahlen bereit

ist (iBusiness). Statt guter Dinge aus vergangenen Tagen bietet DaWanda Handgefertigtes von Kunsthandwerkern und Privatpersonen. Und natürlich hält sich DaWanda nicht mit der Logistik auf, sondern überlässt Versand und Inkasso nach dem Ebay-Prinzip den Anbietern selbst.

Lauschen wir zum fröhlichen Ausklang dieser kleinen Geschichte nun Exciting Commerce:

Für DaWanda läuft es gerade mehr als prächtig: Nach SinnerSchrader für die PR und Spreadshirt als strategischen Partner konnten die beiden Gründer Claudia Helming und Michael Pütz nun Holtzbrinck Ventures als Investoren gewinnen. Das hat Martin Weber von Holtzbrinck Ventures mittlerweile gegenüber ibusiness bestätigt.

Glückwunsch an das DaWanda-Team, das nach der Übernahme von Sozeug.net nun zumindest in Deutschland allein auf weiter Flur ist und den Vorsprung nun entsprechend nutzen kann.

Multichannel, nächste Runde

n2N Commerce / Victoria's Secret

Multichannel ist ein altes, noch immer uneingelöstes Versprechen und eine Aufgabe für jeden Versender – Fluch und Verheißung zugleich. Es ist eine Schlacht an vielen Fronten, und eine davon ist die technische Seite.

Nun schickt sich ein neuer Spieler an, aufs Feld zu laufen. Sein Name, ganz programmatisch, lautet n2N Commerce. Der erste Kunde, kein Zufall, heißt Victoria’s Secret. Der Versender wird sein gesamtes, 1,3 Milliarden Dollar schweres E-Commerce- und Kataloggeschäft auf einer einzigen Plattform betreiben.

n2N Commerce ist ein Spin-off von Limited Brands, der Muttergesellschaft von Victoria’s Secret. Trotzdem hält Jeff Barry die Nachricht für signifikant:

It’s a sure sign of changing times when a $1.3 billion direct-to-customer, multichannel business decides to switch to a software-as-a-service platform. The big news related to the n2N model is the scale involved. Prior to this, only small- to medium-sized companies have used on-demand solutions. N2N’s goal is to be the first cross-channel, on-demand, e-commerce software solution designed for large multichannel retailers.

Tamara Mendelsohn von Forrester ist vorsichtiger:

The company is targeting only the very largest of retailers (top 50), so it has the advantage of a highly targeted audience, however with such a small market they have limited opportunities and a limited timeframe. Its first challenge is putting this platform together — it has chosen the technologies pretty wisely to speed up the development process, but despite a very aggressive time frame with Victoria Secret and by the time it brings the full solution to market, it may have missed the boat – there are several other vendors who have come to me recently with plans to do the same thing, and many retailers are beginning the replatforming process — choosing vendors and creating a strategy — NOW.

Scharfsinnige Pixel

Berührungslose Interfaces mit Berührungseingabe sind nicht erst seit dem iPhone ein spannendes Thema. Jeff Han hat kürzlich Perceptive Pixel gegründet, um das logische Gegenstück zum iPhone zu vermarkten – riesige Multitouchscreens. Die jüngste Demo (siehe oben) lässt, meint Gerrit van Aaken, das Wasser im Munde zusammenlaufen:

Science-Fiction pur, aber das Fiction können wir bald streichen, das sieht schon unfassbar fertig aus! Über das iPhone kann man da nur noch lachen!

Absturz unvermeidlich

Maurice Lévy, Publicis
Auch Gerade Werber sind nicht gegen neue Einsichten gefeit. Publicis-Chef Maurice Lévy hat kürzlich für 1,3 Milliarden Dollar die Interactive-Agentur Digitas übernommen. Jetzt schlägt er in einem von der BusinessNews (Ausgabe vom 12 Februar) zweitverwerteten Interview mit der Wirtschaftswoche Töne an, die bei uns die Herzen verschiedener Ressorts höher schlagen lassen.

Mark „Online Conversations“ Pohlmann freut sich über diese Passage:

In der Tat verstehen Verbraucher heute mehr und mehr die Mechanismen des Marketings. Wenn wir künftig nicht als Eindringlinge empfunden werden wollen, ist intelligentere, humorvollere Ansprache gefragt.

Was heißt das für die Zukunft der Mediengesellschaft?

Verbraucher sind nicht mehr bloß passive Empfänger von Produkten oder Nachrichten, die ihnen andere, vermeintlich bestens informierte Experten vorsetzen können. Der Wissensvorsprung der bisherigen Infoelite schrumpft drastisch, Zeitungsleser, Radiohörer, Fernsehzuschauer, Internetnutzer werden selbst zu Meinungsführern.

Was bedeutet das für Industrie und Werbeagenturen?

Wir werden völlig anders auf die Verbraucher zugehen: nicht einbahnstraßenartig zu ihnen sprechen, sondern ein Gespräch eröffnen, wenn unsere Botschaften sie erreichen sollen. Das wird immer schwieriger.

Bei den Absendern des Mediabriefes kommt bei den folgenden Sätzen Begeisterung auf:

Wo also liegt die Zukunft der Werbung?

Ich bin kein Hellseher, aber es ist gut vorstellbar, dass traditionelle Print- und TV-Werbung in einer Welt der digitalen und mobilen Medien keinen Platz mehr hat – vor allem, weil man im Internet die Wirksamkeit viel besser messen kann. 2010 werden zehn Prozent der weltweiten Werbeinvestitionen im Internet generiert. Wir selbst wollen in fünf Jahren 25 Prozent mit Internet- und anderen Spezialagenturen umsetzen.

In der Wiwo steht noch mehr:

Sterben TV-Spots und Printanzeigen aus?

Ach, das Fernsehen ist schon zu oft tot gesagt worden. Kurzfristig wird sich nicht viel verändern, aber in vielleicht 15 bis 20 Jahren sicher. Die Situation der TV-Werbung ähnelt immer mehr diesen Szenen aus Zeichentrickfilmen: Ein Hund läuft mit Karacho auf den Abgrund zu, bis über die Felskante hinaus, rennt und rennt – und merkt erst, wenn er schon in der Luft hängt, dass der Absturz unvermeidlich ist.

Schönes Bild. [via iBusiness]

The OTTO Store Experience

Der OTTO Store hat auch international einige Aufmerksamkeit bekommen. So schreibt Impersonation Failure:

A showcase of what’s possible today using .NET 3.0 is the new OTTO Store that went live earlier this month. […] Despite the slick WPF user experience the site is also one of the first to utilize managed Infocards to support the provisioning experience. Otto customers can associate their account with a Otto managed card backed with the self issued card of their choice.

Screen aus dem OTTO Store: Bestellen im CardSpace
Mehr zu den Details der Cardspace Experience hat Vittorio Bertocci.
Tim Sneath („Musings of a Windows Vista Technical Evangelist“) schreibt über die virtuelle Umkleidekabine „Mix & Match“:

What makes this application really stand out from anything you could easily do on the web is that if you like a couple of products but want to see how they go together, you can drag them to a „mix and match“ icon on the bottom of the screen, and then you can dress a model with the items and see whether they go together in ensemble. I think even my daughter is going to enjoy this – it’s the online equivalent of „dress up Barbie“, even if that’s not quite what they intended.

Microsoft-Ingenieur Nigel Parker hat eine interessante Interpretation der strategischen Bedeutung des Projekts:

If you’ve read ‚the long tail‘ you’ll realise what Otto are doing here. They are using a smarter UI to make their catalog more accessible to their customers so that they can sell their products further down the tail thus creating a competitive advantage in a world where shelf space isn’t limited and your preferences can be visually served up front and centre.