Der falsche Mythos des Einfachen

Usability dreht sich seit Jahrmillionen um Fragen wie: was hilft, was verwirrt? Meistens einigt man sich projektintern auf „Viel hilft viel“. Was dann durch die Usability-Tests durchgeht, gilt. Empfindlichere Geister gucken jetzt angestrengt und fragen: Muß man jeden Hebel ziehen, nur weil man den Hebel ziehen kann?
An dieser Stelle spätestens taucht als Idealbild dann Apple im allgemeinen oder iTunes im speziellen auf. Und das Totschlag-Argument: „Konzentration auf das Wesentliche. Wer das nicht kann, weiß eigentlich nicht, was er will!“ Und flugs gerät jede Projektbesprechung zur Grundsatzfrage, ob man Apple-Jünger ist oder nicht.
Ich möchte an dieser Stelle mit dem Mythos aufräumen, Apples Wesen sei EINFACH. Auch wenn ich mich bis zum Eintritt ins Rentenalter desavouiere: Weder der iPod noch iTunes sind einfach zu bedienen. Ja, ich bekenne hiermit, daß ich bei „meinem ersten Mal iPod“ das Ding zwar zum Laufen gebracht habe. Aber wo geht er leiser, lauter oder aus? Wo ist der Regler, wo ein Knopf? Die Apple-Software mag schön, innovativ und konzentriert sein, alles. Aber sie ist nicht einfach. Einfach ist ein dahergelaufener Windows-Player: Installieren, auf Play drücken, fertig. Egal, wie viele Funktionen hinter der Button-Leiste lauern, das interessiert mich nicht. Ich sehe sie nicht, ich nutze sie nicht.
iTunes ist nicht einfach, sondern integrativ. iTunes führt den Hörer zu seiner Musik. Die Software macht beide zu Komplizen. Das ist Dialog, also ein hochkomplizierter Prozeß, der eben nicht mit einer simplen, sondern nur mit einer komplexen, sprich flexiblen Software zu bewältigen ist. Schon, wie vielfältig nur die Playlisten sortierbar sind – das ist doch nicht einfach! Aber es macht Spaß.
Zurück zum Thema. Wie einfach müssen denn nun dialogorientierte Interfaces sein? Ich behaupte: Gar nicht. Es gibt keine erfolgreiche „einfache“ Anwendung. Alles, was derzeit in Scharen Nutzer zieht, sieht aus wie von Bill Gates persönlich entworfen. Myspace ist ein Horror an Usability und die Klickzahlen nur dadurch zu erklären, daß die Wege auf Myspace viel länger als anderswo sind. Facebook, StudiVZ und wie auch immer sie heißen: Alle gehen unter in einer Fülle von Features. Interessiert das jemanden? Nein. Nicht, daß man sich nicht eine bessere Usability wünscht. Aber Usability ist einfach kein Erfolgsfaktor!
Was denn dann? Erfolgreiche Software vermittelt das Gefühl, daß dieses Stück Software für mich gemacht ist. Wer es schafft, die Sehnsüchte einer klar umrissenen Zielgruppe anzusprechen, ist dem Erfolg viel näher als mit einer guten Usability in einem unverbindlichen Umfeld.
myspace_forum.gif
Auch das ist Myspace: Einstieg in die Foren
Myspace, Technorati, YouTube, Flickr leben davon, daß sie einen Sogeffekt erzeugen, der von einer klar umrissenen Zielgruppe ausgeht (Schüler, Studenten, Musker, Fotografen, Video-Fans, wer auch immer) und konzentrisch seine Kreise zieht.
Epilog:
Gerade darübergestolpert: Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan stellt die Usability-Entwicklungsschritte seiner Site vor und benennt die Design- und Funktionsprioritäten:

• Ganzheitlichkeit (Video und Bild),
• Interaktionsmöglichkeiten (interne Nachrichten, Kommunikationsfunktionen, Bewertungen, Gästebucheinträge, Kommentare etc.),
• Kompatibilität (neueste Technik auf allen Browsern gleich -> wir arbeiten daran),
• Unterstützungsmöglichkeiten (technisch sowie inhaltliche Angebote),
• Flexibilität (offen für alle neuen Bereiche -> Podcast, Flash TV etc.),
• Individualisierung (Alben, Passwort geschützte Alben, Musikhinterlegte Diashows etc.)
• Partizipation (Mashup – also APIs, die eine Einbindung in Blogs und Homepages erlauben, etc.)
Irgendwie alles andere als einfach. Das hindert Sevenload aber nicht daran, zu den hochwertigsten Web-2.0-Anwendungen in Deutschland zu zählen und beachtliche Wachstumsraten vorzuweisen.

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5 Comments

  1. Bedeutet „Web 2.0“ irgendwas?
    Ürsprünglich, nein. Es war ’ne Konferenz.
    Mitlerweile werden verschiedene Bedeutungen dem Begriff „Web 2.0“ zugeschrieben.
    Der Fakt, daß Google eine „Web 2.0“ Firma ist, bedeutet schon etwas; der Begriff ist allerdings immernoch Unfug. Es bedeutet einfach nur, die Dinge vernünftig zu machen.

  2. mark pohlmann an die front.
    schoener artikel (ipod stimmt genau!)

  3. „Netter“ Artikel – wie mancher SPIEGEL-Artikel: schmissig geschrieben, regt zum Schmunzeln an und kann leider leicht missverstanden werden. Einfach IST ein Erfolgsfaktor.
    „Einfach“ heißt aber nicht gleich „simpel“. Wichtig für Usability und „Einfach“ ist nicht, dass die hinter einem System liegenden Funktionalitäten „simpel“ sind. Die ggf. unvermeidliche Komplexität muß für den Benutzer nur (!) „einfach gemacht“ werden. Das macht SevenLoad (auf den ersten Blick) sehr ordentlich.
    Genauso ist „einfach“ nicht gleich „selbsterklärend“. Wenn man einmal daa Prinzip des iPod verstanden hat (oder kurz erklärt bekommen hat) – was vielleicht 2 Minuten dauert – ist er extrem „einfach“.
    Und was iPod, iTunes-Shop und iTunes-Software so genial einfach macht, ist nicht die Einfachheit der einzelnen Komponenten sondern die Einfachheit des „Systems iPod“. Ohne lange auf die Gründe eingehen zu wollen: als iPod/iTunes auf dem Markt erschienen, gab es keine Kombination aus Abspieler, Musik-Shop und PC-Software, die auch nur annähernd so „einfach“ und „usable“ für Otto-Normalmusikhörer war. Ich habe keinen perfekten Marktüberblick, wage aber die Behauptung, dass das auch noch heute der Fall ist.

  4. Also ich erinnere mich noch genau an den Tag als ich zum ersten Mal mit dem Daumen die runde Scrollfläche des Ipod steuerte und mit wachsender Freude ausprobierte. Ohne jegliche Gebrauchsanleitung war das sehr einfach!
    Die erste Navigation bei flickr.com, das waren 3 in schlichtem rosafarbenem Systemtext gesetzte Hauptnavigationspunkte. Das war geradezu poetisch einfach!
    Wie man bei backpackit.com einen Eintrag ändert indem man darauf klickt und zusätzliche Funktionsbuttons erscheinen, einfacher gehts nicht!
    Oder meine ersten Gehversuche im legalen Musikdownload mit musicload.de. Die Anwendung machte es mir damals unmöglich nach einer halben Stunde den ersten kostenlosen Song herunterzuladen. Was für eine Erlösung war da doch das verhältnismässig einfache itunes!
    Würde man bei apple hin und wieder kleine Nutzertests machen (was der nette Herr mit dem dunklen Rollkragenpulli soweit mir bekannt verabscheut!) könnte man viele Anwendungen sogar noch deutlich verbessern.
    Stimmt, gute Bedienbarkeit ist noch kein alleiniger Erfolgsfaktor, das Fehlen ebendieser ist aber durchaus mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mißerfolgsfaktor.
    So hat meiner Ansicht nach Siemens seine Handysparte verloren, weil es einfacher war, in kräftig alkoholisiertem Zustand mit dem Zeigefinger seine eigene Nase zu treffen als mit einem Siemens Handy eine SMS zu verschicken!
    Wenn komplizierte Anwendungen erfolgreich sind, liegt das an 2 Dingen: Entweder die angebotenen Informationen und/oder der Service sind so gut, das es genug Menschen gibt, die bereit sind Ihre kostbare Lebenszeit einzusetzen um sich in eine Anwendung „hineinzufuchsen“ oder sie richtet sich an eine Mitmenschengruppe die erwiesenermaßen mit zuviel Zeit ausgestattet ist…

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