Martin Recke

Co-Founder @nextconf, corporate editor @AccentureSong, PR guy, blogger, journalistic background, political scientist, theology, singer, father, landlord, roman-catholic.

Es geht um Präsenz

Wenn Forrester-Analyst Peter Kim in Unternehmen über Twitter spricht, ist die häufigste Reaktion: „I just don’t get it.“ Twitter erschließt sich nur durch aktives Ausprobieren. Dieses Phänomen haben die Micropublishingdienste mit vielen Internetanwendungen gemeinsam.

Laut Forrester Research nutzen bereits sechs Prozent der erwachsenen Internetnutzer in den USA Twitter. Auch wenn sich diese Zahl auf den weitesten Nutzerkreis bezieht und keinesfalls auf tägliche Nutzer oder Inhaber eines Twitterkontos, bezweifeln sie selbst Nerds wie Robert Scoble. Und das mit Fug und Recht. Dennoch stimmt vermutlich, was Forrester über das Twitter-Publikum schreibt:

If you want to reach an affluent, well educated, and early adopter audience, there might not be a better communication channel out there.

Twitter (und Jaiku & Co.) sind Micropublishingdienste. Doch wer dabei an Dinge wie gedrucktes Wort oder Blogging denkt, der irrt. Es sei denn, er assoziiere James Joyce. Twitter ist ein digitaler Bewusstseinsstrom, gefiltert und über die Schnittstelle Tastatur ausgegeben.

Es geht um Präsenz. Micropublishing ist für Instant Messaging (IM) und Chat, was Blogging für Mail und Usenetforen war: ein Web-Interface, eine einfache Software und ein Ökosystem für die 1:n-Kommunikation, die damit auf eine neue Stufe gehoben wird.

Mit mehr oder minder permanenten Zustandsmeldungen in Echtzeit zeigen Micropublisher Präsenz. Sie liefern Kontext, an den die Kommunikation anknüpfen kann. Ein Beispiel: Kollege Themenblogger erfuhr am vorletzten Freitag aus meinem Twitterstream, dass ich nicht im Büro bin und also deshalb dort nicht ans Telefon gehe.

Twitter bietet bereits mehrere mobile Zugangswege an. Neben dem mobilen Webclient funktioniert auch SMS. Das in der vorletzten Woche von Google übernommene Jaiku hat eine eigene Software für das Mobiltelefon, die weitere Präsenzdaten liefert. Tim O’Reilly sieht darin den eigentlichen Grund für die Google-Übernahme.

Noch ist Jaiku relativ wenig verbreitet, was den Nutzen der Software stark einschränkt. Nützlicher ist Fring, das ich seit einiger Zeit mit Begeisterung auf meinem E61 nutze. Fring kann Skype, Google Talk und weitere Instant Messenger ansprechen. Ich sehe also auf dem Mobiltelefon, welcher meiner Kontakte gerade online ist.

Fring kann aber noch mehr: Auch Sprachanrufe sind möglich, entweder über Fring selbst, über Skype (beides Voice over IP) oder über das herkömmliche Mobilfunknetz. Fring benutzt von sich aus das WLAN und schaltet auf den mobilen Internetzugang des Netzbetreibers um, wenn kein WLAN verfügbar ist. Fring ist die erste mir bekannte Software, die das kann.

Fring kombiniert das Telefonbuch im Mobiltelefon mit den Präsenzinformationen der Instant Messenger. Ich kann also

  • sehen, welcher meiner Kontakte gerade online ist,
  • seine Tweets lesen,
  • daher wissen, womit er sich gerade beschäftigt und
  • ihn anrufen – alles mit einer Software auf einem mobilen Gerät.

Eine weitere Facette der Präsenz zeigt Plazes, das den Zugangsweg zum Internet auswertet und dadurch erkennt, wo ich gerade bin. Plazes, Fring und Jaiku – das wäre eine Kombination, die rockt. Wir werden sehen, welchen Weg Google mit seiner Neuerwerbung einschlägt.

Das Daimlerblog ist da

Oder heißt es doch „der Daimlerblog„? Wie auch immer – heute ist das seit langem erwartete Mitarbeiterblog des deutschen Automobilkonzerns an den Start gegangen. Web-Communications-Manager Christian Fachat erklärt im ersten Beitrag die Ziele (und hat eine klare Präferenz in der Frage nach dem Genus):

Auch wir wollen nun einen Blog nutzen, um deutlich zu machen: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Sie lebt vom Austausch – und dafür brauchen die Empfänger einen Kanal für offenes Feedback. Zum Beispiel diesen Daimler-Blog, in dem Mitarbeiter durch ihre Beiträge unser Unternehmen etwas transparenter machen. Und bei diesen Themen geht es nicht um die Unternehmensmeinung, sondern um Einblicke in das „Leben beim Daimler”.

Wir sind gespannt! Die im Vergleich zum Prototypen geänderte Farbigkeit des Blogs wirkt jedenfalls leichter und freundlicher, wie auch der gesamte neue Auftritt des Unternehmens.

Die Grenze zwischen Werbung und Redaktion

Die Internet World hat mir ein paar Fragen zum immer wieder spannenden Thema der Trennung zwischen Werbung und Redaktion im Web gestellt. Hier meine Antworten.

Verschwimmt im Zeitalter des viralen Marketing die Grenze zwischen
Werbung und Redaktion oder gibt es nach wie vor klare
Demarkationslinien?

Wo es redaktionelle Angebote gibt, sollte es auch eine klare Trennlinie zur Werbung geben. Dies liegt im ureigenen Interesse jedes redaktionellen Mediums, denn sonst verliert es an Glaubwürdigkeit. Viele Angebote im Web haben aber gar keine Redaktion, und dann kann es auch keine Trennung zur Werbung geben. Werbung sollte immer dann deutlich gekennzeichnet werden, wenn sie nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist.

Dürfen Unternehmen und ihre Agenturen komplette Artikel
oder Themeninseln
konzipieren und erstellen, damit sie von redaktionellen
Websites veröffentlicht werden?

Ja, dürfen sie. Die Redaktionen fahren allerdings besser damit, diese Artikel oder Themeninseln klar zu kennzeichnen. Schmu erkennt der mündige Medienkonsument früher oder später – und straft mit Nichtbeachtung.

In welcher Form darf ein Unternehmen einen Blog oder eine Community
fördern oder komplett finanzieren?

In jeder Form, die Leser und Konsumenten verstehen und goutieren. Unternehmen können auch selbst Blogs betreiben oder eine Community pflegen. Anders als in den klassischen Medien haben sie im Web viele Möglichkeiten, direkt mit den Konsumenten zu interagieren. Die Konsumenten suchen den direkten Kontakt.

Spielt sich die gesamte Diskussion über Schleichwerbung im Netz
nur in einem „inneren Zirkel“ der Medienschaffenden ab? Interessiert das den „normalen“ User überhaupt?

Auch wenn sich die Diskussion tatsächlich in einem inneren Zirkel abspielt – Otto Normalverbraucher ist an authentischer Kommunikation und Interaktion mit Unternehmen und Marken interessiert. Wer dieses Interesse bedient, hat damit Erfolg.

Gute Zahlen

Bei uns gehen die Uhren anders. Hier ist gerade Mitte Februar, und deshalb hat SinnerSchrader heute vorläufige Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr veröffentlicht. Die Zahlen – 17 Prozent Umsatzanstieg auf 18,5 Mio. Euro, operatives Ergebnis an der Millionengrenze – können sich durchaus sehen lassen.

Der nächste Termin für die Freunde der harten Zahlen ist der 13. November. An diesem Tag legen wir den endgültigen, geprüften Jahresabschluss 2006/2007 und eine Prognose für das Geschäftsjahr 2007/2008 vor. Das ist dann Mitte März.

Genug verwirrt? Unser Geschäftsjahr beginnt am 1. September und endet am 31. August, deshalb die Zeitverschiebung.

Google kauft Jaiku

Blogs habe ich erstmals entdeckt, als Google seinerzeit Blogger.com übernahm. Jetzt kauft Google Jaiku. Falls noch jemand Zweifel hatte, dass Micropublishing eines der next big things ist – jetzt bitte die Zweifel ablegen. (Twitter war vermutlich zu teuer oder nicht zu haben.)

Eine erste Einschätzung hat der Scobleizer: „a major move against Facebook“. Steve Rubel prognostiziert: „I give Twitter 45 days to be sold. My pick? Yahoo. Reason – Yahoo is focusing on developers and Twitter’s API is attractive.“ Der Haltungsturner macht sich Sorgen: „Should I be scared that another service I use since a long time is sacked by one of the two monoliths?“ Und Dave Winer hebt das Kennedyhafte des Moments hervor: „In any case, our world changed today, while we were in a cab on our way to lunch.“

Mein Jaiku ist hier und ich kann gerne einladen.

Via Loic le Meur

Wir brauchen Verstärkung

Dass wir Mitarbeiter suchen, ist normalerweise keine Neuigkeit und dokumentiert sich in Form dieser Liste offener Stellen. Doch auf zwei außergewöhnliche Stellenausschreibungen möchte ich auch auf dem Fischmarkt hinweisen.

  • Zum einen suchen wir einen Praktikanten (m/w) für die next08, der sich vor allem um das Kontakt- und Einladungsmanagement kümmern soll. Das Praktikum beginnt am 1. Dezember und dauert sechs Monate.
  • Zum zweiten wollen wir einen Volontär Online Conversations HR (m/w) einstellen, der ein neues Kapitel unserer Personalarbeit aufschlagen wird. Wir suchen einen Kommunikator für den Dialog mit Absolventen, (Job-)Interessenten, Bewerbern und Alumni.

Beide Stellen liegen etwas quer zum agenturüblichen Profil und sind deshalb vielleicht auch für Menschen interessant, die sich sonst nicht bei uns bewerben würden.

Alle Stellenangebote gibt es übrigens auch per RSS. Der Feed hat leider ein Umlautproblem, liefert nicht den kompletten Text und wird demnächst umziehen, ist aber besser als nichts.

Subjektivitätsanspruch und Unterhaltsamkeit

Auf der OMD habe ich Markus Willnauer von Value Mountain und Buzz Paradise getroffen. Markus hatte eine Kamera am Start und nutzte die Gelegenheit für ein kleines Interview über meine Erfahrungen mit dem Fischmarkt.

Meine Erfahrungen mit dem Interview: Das „und“ im Unternehmensnamen, seit 1999 abgeschafft, werden wir wohl nie los. Außerdem rede ich zu viel, zu schnell und könnte die eine oder andere Floskel ganz gut weglassen. Interessant ist auch, was der Kollege Kolbrück zu sagen hat.

Daimlerblog vor dem Start

Fast hätte die seinerzeit im Himmel geschlossene Firmenehe zwischen Daimler und Chrysler noch ihre hölzerne Hochzeit überstanden. Doch nun ist die Scheidung besiegelt, und am Donnerstag wird die Hauptversammlung das Suffix „Chrysler“ aus dem Unternehmensnamen meißeln.

Für die Marke Daimler ist das eine neue Wendung auf einer langen Irrfahrt. Denn auch wenn der Volksmund gern vom Daimler spricht, wenn ein Mercedes-Benz gemeint ist – der Markenname Daimler gehört Ford, und nach wie vor gibt es Jaguar-Varianten, die unter diesem Namen verkauft werden.

Die neue Ära beginnt Daimler mit dem Start eines Unternehmensblogs. Erste Vorzeichen waren schon im März zu sehen, als der Automobilkonzern einen Praktikanten für das Thema suchte.

Inzwischen hat Uwe Knaus, bei Daimler für Web-Kommunikation und Unternehmensblog zuständig, schon den nächsten Praktikumsplatz ausgeschrieben. Unterstützung hat er sich bei Edelmans Chief Blogging Officer Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach geholt.

In den letzten Tagen hatte ich Gelegenheit, einen Blick auf den Blogprototypen zu werfen. Der erste Eindruck: Das Blogdesign ist ebenso bieder wie das der Unternehmenswebsite. Thematisch sieht es bis jetzt eher nach Gemischtwarenladen aus, was nichts Schlechtes sein muss. Denn die ersten Testbeiträge lesen sich teils ganz erfrischend.

Wie bei den meisten Blogs wird es darauf ankommen, dass die Autoren sich freischreiben und einen unkomplizierten Zugang zum Medium finden. Dann aber ist das Potential groß, denn in einem Konzern wie Daimler passieren viele Dinge, über die zu schreiben sich lohnt.

Die Chance, Agentur Nummer eins zu werden

Statement von Matthias Schrader in PAGE 11.2007 (Ausschnitt)

Heute war Heft 11.2007 der PAGE in der Post. Auf dem Titel: Matthias Schrader mit seiner Antwort auf die Frage „Interactive vs. Klassik – Wer führt?“. Hier sein Statement aus dem Heftinnern in voller Länge:

Die meisten Menschen meiden heute die Unterbrecherwerbung in klassischen Medien, während sie in den digitalen gezielt Marken suchen – sie gehören zu den am häufigsten gesuchten Begriffen. Das heißt: Das Web wird das zentrale Medium für den Austausch mit einer Marke, also zum Kanal Nummer eins. Damit haben auch die Agenturen, die hier ihre Kernkompetenz haben, die Chance, zur Agentur Nummer eins zu werden. Entscheidend ist, wer den interaktiven Konsumenten am besten kennt und versteht. In den USA gibt es bereits Beispiele für diesen Prozess: Agency.com hat den Lead für Ikea in den USA übernommen, R/GA eine ähnliche Funktion für Nike.

Aus diesem Grund versuchen die klassischen Agenturen ja seit mittlerweile zehn Jahren digitale Kompetenzen aufzubauen, aber es ist ihnen bisher nicht gelungen. Das hat viel mit ihrem Selbstverständnis zu tun: Sie gehen typischerweise von einer Idee aus, die sie in eine Geschichte verpacken. Für die 360°-Kommunikation entwickeln sie eine Idee, die in allen Medien funktioniert. Doch das wird dem Medium Web nicht gerecht. Ein Konsument, der 20° Grad vorgebeugt am Bildschirm sitzt, will etwas über das echte Produkt erfahren und nicht nur eine Geschichte hören.

Denn das Tolle an diesem Kanal ist ja gerade, dass Marken das erste Mal seit Erfindung der Massenproduktion direkt mit dem Konsumenten interagieren können. Heute kann jeder quasi durch den Monitor greifen und sein Auto konfigurieren, seine Reise zusammenstellen oder die Farbe seines Turnschuhs aussuchen. Dabei sind die Kunden durch die Internet-Pure-Player verwöhnt – also die Googles, Amazons und Ebays dieser Welt. Sie geben den Takt vor und Marken müssen nun die gleiche Geschwindigkeit aufnehmen. Um das zu leisten, braucht man den direkten Austausch zwischen Interactive-Agentur und Marketing-Entscheider.

Die digitalen Agenturen müssen sich dieser gewachsenen Bedeutung noch bewusst werden. Das ist vor allem eine mentale Anstrengung. Viele haben bisher stark in Richtung Umsetzung gedacht und gearbeitet. Das ist zwar ein echtes Asset, das klassische Agenturen in der Regel nicht haben, aber es reicht letztlich nicht, um auch auf Vorstands- oder Geschäftsführungsebene als Partner wahrgenommen zu werden. In den USA und Skandinavien hat dieser Wechsel in den letzten zwei, drei Jahren schon stattgefunden. Deutschland hinkt da sicherlich noch ein Stück hinterher.