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Das Ende der gedruckten Zeitung

Es ist schon oft beschworen worden. Was mir ernsthaft Sorgen macht, ist eine kleine Anekdote aus den letzten Wochen. Ich hatte Gelegenheit, alte Freunde zu besuchen. Beide Akademiker, er verbeamtet, zwei Kinder auf dem Gymnasium, beide lernen Instrumente.
Besagte Familie hat ihr Tageszeitungsabo abbestellt.
Dabei gibt es dort, wo sie wohnen, sogar zwei Lokalzeitungen: Das Einzugsgebiet des Bonner General-Anzeigers und des Kölner Stadt-Anzeigers überschneiden sich dort nämlich. Doch ist offensichtlich die Tageszeitung aus der täglichen Routine dieser Familie verschwunden.
Nun wird noch regelmäßig die Wochenendausgabe erworben – und die Ausgabe, mit der die Programmbeilage Prisma geliefert wird. Die Familie, man merkt es schon, ist nicht einmal übermäßig internet-affin.
Wenn schon Akademiker jenseits der 40 glauben, auf eine Tageszeitung verzichten zu können – wer soll dann künftig noch Abonnent werden? Wenn schon Akademikerkinder keine Tageszeitung im Hause mehr vorfinden – wie sollen sie später Zugang zu diesem Medium finden?
Bleibt die Frage, ob sich diese anekdotische Beobachtung verallgemeinern lässt. Tatsächlich ist dieser Trend auch an den offiziellen Zahlen des BDZV abzulesen. Nur noch in der Zielgruppe 50+ liegt die Reichweite der Tageszeitung über 70 Prozent, und je jünger die Altersgruppe, desto geringer die Reichweite. Bei den 14- bis 19-Jährigen erreichte die Tageszeitung 2013 gerade noch ein gutes Drittel.
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Reichweiten der Tageszeitungen 2013 nach Alter
Leser pro Ausgabe (LpA), Angaben in Prozent
Basis: Deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahre
Quelle: Media-Analyse 2013 Tageszeitungen, BDZV

Die Talfahrt hält schon lange an. 1993 erreichte die Tageszeitung noch gut 60 Prozent der 14- bis 19-Jährigen, 2003 waren es immerhin noch über 50 Prozent. Und in den übrigen Alterskohorten zeigt sich das gleiche Bild – ein kontinuierlicher Abwärtstrend.
Geht es weiterhin um einen bis zwei Prozentpunkte pro Jahr bergab mit der Reichweite, dann könnte schon in weniger als zwanzig Jahren der letzte Zeitungsleser unter 20 das Blatt aus der Hand legen. Wann das Geschäftsmodell Tageszeitung kollabieren wird, bleibt abzuwarten – möglicherweise hat die Tageszeitung auch als Nischenprodukt für die ältere Generation noch eine Zukunft. Doch ganz ohne Reichweite geht die Chose nicht.
In 20 Jahren sind die heutigen Mittvierziger auch schon 65 Jahre alt. Und warum sollte, wer mit Mitte 40 sein Abo kündigt und nichts vermisst, später wieder eine gedruckte Zeitung abonnieren? Tatsächlich deutet der kontinuierliche Sinkflug der Reichweite in allen Altersgruppen darauf hin, dass einmal verlorene Zeitungsleser auch nicht zurückkehren.
Die Tageszeitung hat schon länger das Problem, die jungen Leser zu verlieren. Und auch diese Leser werden älter, ohne wieder zur Zeitung zu greifen. Inzwischen sehen wir den Schwund schon in der zweiten Generation: Die Kinder von Nichtlesern werden offensichtlich nur in den seltensten Fällen zu Lesern.
Trübe Aussichten für das Medium Zeitung. Und dabei war von der Unfähigkeit, tragfähige digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, noch gar keine Rede.

Scoopcamp – die Konferenz für Online-Medien steigt am 13. September

Besonders der Journalismus muss in dieser Zeit mit den Herausforderungen der digitalen Entwicklung umgehen. Verlage müssen kreative Lösungen finden, ihre Produkte in die Onlinewelt zu bringen. Um sich genau darüber auszutauschen, findet am 13. September bereits zum fünften Mal das Scoopcamp statt. Veranstaltet von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und Hamburg@work thematisiert die Innovationskonferenz für Onlinemedien aktuelle Trends und Cases aus den Bereichen Data Journalism, Social Media und New Storytelling. Erstmalig findet das Scoopcamp im Hamburger Schmidt Theater und in benachbarten Reeperbahn-Locations statt.
Internationalen Sprecher wie Charles Lewis, der Gründer von The Center for Public Integrity, The Daily Dot’s CEO Nicholas White, Auroch Digital’s Design und Produktionsdirektor Tomas Rawlings und Michael Maness, Leiter des Programms Journalism and Media Innovation bei der Knight Foundation. Außerdem werden in sechs parallelen Tracks weitere Workshops gehalten.
Bereits am 12. September – also am Vortag der Konferenz – findet der Scoopcamp Hackathon statt. In verschiedenen Hamburger Medienunternehmen treffen Programmierer auf Onlineredakteure, Grafiker und Designer, um in 24 Stunden digitale Medienprojekte zu entwickeln: Für die insgesamt sechs Projektteams werden teilweise noch helfende Hände gesucht. Interessierte, die rund um das Oberthema „New Storytelling auf der Reeperbahn“ mitprogrammieren oder redaktionellen Input geben und neue Kontakte und Inspirationen holen wollen, bekommen weitere Infos zu den Projekten und die Kontakte zu den Ansprechpartnern unter www.scoopcamp.de/Hackathon.
In Kooperation mit dem scoopcamp verlost NEXT Berlin zwei Tickets für die Konferenz. Schicken Sie einfach bis zum 4. September eine E-Mail an xenia@nextberlin.eu mit dem Betreff „Tickets Scoopcamp“

Warum ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger keinen Sinn hat

Schon öfter habe ich mich gefragt, welche Leistung genau eigentlich mit einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger geschützt werden soll. Das konnte mir bis jetzt niemand halbwegs plausibel erklären.
Wie so häufig bei solchen Themen kommt mir nun Clay Shirky zu Hilfe, der in einem Interview mit Findings.com auf den Punkt bringt, warum ein solches Leistungsschutzrecht keinen Sinn hat.
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Um genau zu sein: Er wurde selbstverständlich nicht nach solchen bundesdeutschen Petitessen gefragt, sondern danach, wie sich das Verlagsgeschäft verändert. Seine Antwort:

Publishing is not evolving. Publishing is going away. Because the word „publishing“ means a cadre of professionals who are taking on the incredible difficulty and complexity and expense of making something public. That’s not a job anymore. That’s a button. There’s a button that says „publish,“ and when you press it, it’s done.

Siehe auch Mathew Ingram bei GigaOM: Publishing is no longer a job or an industry — it’s a button
Foto: Ragesoss (Lizenz)

Readability: Schöner lesen am Bildschirm und mobil

Größere Mengen Text am Bildschirm zu lesen ist meistens kein Spaß. Gerade Medienwebsites sind häufig wahre optische Müllhalden, voller Werbung, Teaserflächen, Bildstrecken und Navigationsgedöns. Hier merkt der Leser den jahrzehntelangen Vorsprung der Printmedien, was den Lesegenuss angeht.
Aber kein Problem im Web, für das nicht auch das Web eine Lösung parat hätte. Zu den Pionieren wie Instapaper und ReadItLater gesellt sich jetzt mit Readability ein neuer Spieler. Seit heute ist die App für iPad und iPhone im App-Store verfügbar.

Für das Leseproblem im Web hat auch Apple schon eine Lösung im Angebot. Safari hat einen eingebauten Reader, mit dessen Eleganz es Readability gut aufnehmen kann. Die Leseliste pflegt Safari ebenfalls direkt im Browser, und seit iOS 5 synchronisiert Apple die Leseliste über alle Gerätegrenzen hinweg.
Readability hat demgegenüber den Vorzug, an keinen bestimmten Browser gebunden zu sein. Ich für meinen Teil nutze Chrome und das Readability-Add-On. Es fügt dem Browser einen kleinen roten Sessel hinzu, hinter dem sich drei Funktionen verbergen: Read Now, Read Later, Send to Kindle.
Das sagt eigentlich alles. Die ersten beiden sind selbsterklärend, und mit der dritten Funktion ist auch gleich der wichtigste Vorzug von Readability angedeutet: die Integration mit zahlreichen weiteren relevanten Produkten und Diensten. Der einfache Export in Richtung Kindle ist nur ein Beispiel. Readability ist in den Reeder und zahlreiche weitere iPad- und Twitter-Apps integriert. Der Leser kann damit seine Leseliste aus zahlreichen Quellen befüllen und in verschiedenen Umgebungen konsumieren.
Readability hat eine eigene API, was der weiteren Entwicklung jede Menge Möglichkeiten beschert. Was noch fehlt, ist eine Importmöglichkeit. In meinem Fall hat sich bei ReadItLater eine lange Leseliste angesammelt, die ich gern zu Readability umziehen würde. Insbesondere jetzt, da die App auf dem Markt und damit das Leseerlebnis komplett ist.
Für das Design textlastiger Websites bedeutet der unaufhaltsame Aufstieg von Diensten wie Readability übrigens zweierlei. Erstens: Aufräumen! Größere Schriften, lesbare Fonts, möglichst wenig visueller Müll. Und zweitens: Responsive Design. Wer dann noch mag, kann Buttons für Readability auch gleich einbauen – wobei solche Buttons der angestrebten Ordnung und Sauberkeit direkt widersprechen.

Zehn Jahre Wired zu verschenken!

Unter Buzz-Gesichtspunkten war es wahrscheinlich eine kluge Entscheidung, Thomas Knüwer zum Entwicklungsredakteur der deutschen Wired zu machen. Das hat Olaf Kolbrück schon am Mittwochfrüh geahnt und angedeutet.
Doch als Blattmacher ist Thomas Knüwer bislang nicht in Erscheinung getreten. Und er ist keinesfalls der erste Journalist, der sich daran versucht, das Zentralorgan des Cyberspace nach Deutschland zu transportieren. In den Kommentaren bei Felix Schwenzel kolportiert ein hjg:

Mitte der 90er hatte Andreas Schmidt, damals Chefredakteur von TV Today (G+J) auf meine Anregung hin G+J-Geld zur Verfügung gestellt und im unserem Hamburger Redaktionsbüro machte sich eine externe Mannschaft unter der wohlwollenden Aufsicht von Klaus Liedtke an die Arbeit. Gedieh bis zur Nullnummer, die auch die ersten Copy-Tests bestand und von der Original-WIRED-Mannschaft, damals mit deutschem Art Director, akzeptiert wurde. Letztendlich aber scheiterte das Projekt, weil sich die beteiligten Verlage (G+J / SPIEGEL / Conde Nast) nicht einig wurden. Genaueres haben wir nie erfahren.

Und Lorenz Lorenz-Meyer ergänzt:

An dem Mitte-der-90er-Jahre-Experiment mit Wired war neben G+J auch die Spiegel-Gruppe beteiligt, unter der Leitung von Dieter Degler. Art Director war glaube ich Uwe C. Beyer. Ich hab damals (Anfang 96 muss das gewesen sein) ein Bewerbungsgespräch gehabt mit Klaus Madzia, der Deglers rechte Hand war. Bin dann bei SpOn gelandet, und Degler und Madzia wurden, nach dem Scheitern des Wired-Projekts, meine Chefs. (Madzia wechselte kurz darauf zu Econy.)

Ich kann mich dunkel erinnern. Auf meinem persönlichen Radar erschien Wired mit der Zeit-Ausgabe 40/1994 vom 30. September 1994. Darin schrieb Aaron Koenig eine Hymne auf das Zentralorgan des Cyberspace. Trotzdem dauerte es offensichtlich noch bis Frühjahr 1995, dass ich Abonnent des Blattes wurde. In meiner bis heute erhaltenen Sammlung ist das Heft 3.03 vom März 1995 das erste.
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Das lag auch an den Mondpreisen an deutschen Kiosken und daran, dass für ein (deutlich günstigeres) Abo eine Kreditkarte nötig war. Die bekam ich irgendwann kostenlos von der Deutschen Bahn in Form einer Bahncard mit Kreditkartenfunktion. Bahn und Citibank gaben das Projekt schnell wieder auf, meine Kreditkarte jedoch habe ich bis heute. Inzwischen kommt sie von der Targobank, nachdem die Citibank ihr hiesiges Privatkundengeschäft an Crédit Mutuel verkauft und diese den Kunstnamen Targobank eingeführt hat.
Wie die deutlich erkennbaren Gebrauchsspuren zeigen, habe ich das Heft damals intensiv gelesen. Ich war noch Student in Berlin und nebenbei freier Radiojournalist, hatte also genug Zeit für die Lektüre. Das Studium endete, die Jobs wechselten, schließlich auch die Stadt. Nur Wired blieb.
Die Sammlung wuchs, zog mehrfach mit mir um und verstaubt heute im Regal. Mit Heft 13.08 war nach gut zehn Jahren im Sommer 2005 schließlich Schluss. Ich habe mein Abo damals nicht mehr erneuert. Übrigens ein schöner Brauch in den USA – dort laufen Zeitschriftenabos nach einem Jahr aus und müssen erneuert werden, anders als bei uns, wo es einer Kündigung bedarf, um ein Abo zu beenden.
Warum habe ich damals nicht wieder verlängert? Von den Krisenjahren 2001ff. blieb auch Wired nicht verschont. Ich hatte inzwischen zu bloggen begonnen, und mein Leseverhalten verschob sich mehr und mehr von Print weg in Richtung Digital. Ob daran die deutsche Wired viel ändern wird?
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PS: Meine Wired-Sammlung (3.03 bis 13.08, die Hefte 13.04 und 13.05 scheinen zu fehlen, mindestens ein weiteres Heft vermisse ich leider auch, dafür ist ein anderes doppelt vorhanden) würde ich gern abgeben. Entweder an Selbstabholer oder gegen Erstattung der Versandkosten. Sonst geht sie demnächst ins Altpapier.
PS2: Die Frage, warum es eigentlich keine deutsche Wired gibt, hat uns hier auf dem Fischmarkt schon vor ziemlich genau fünf Jahren beschäftigt.

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