Was bedeutet der Telekom-Premiere-Deal?

Es war ein angekündigter und erwarteter Paukenschlag, als die Telekom und Premiere am letzten Freitag ihre Partnerschaft in Sachen Bundesliga annoncierten. Aus der Not der an arena verlorenen Pay-TV-Rechte will Premiere-Chef Georg Kofler eine Tugend machen und die Internet-Rechte der Telekom zum Wohl seiner gebeutelten Aktionäre nutzen: Premiere-Programm plus Bundesliga via Internetfernsehen. Was bedeutet dieser Deal?

Alles steuert auf einen Wettbewerb zweier Infrastrukturen zu. Auf der einen Seite tritt der weltweit etablierte Standard DVB an, schon leicht in die Jahre gekommen und entwickelt unter den Auspizien des klassischen  Broadcast-Modells der Massenmedien. Digitales Fernsehen war bislang vor allem DVB, und DVB gibt es via Satellit, Kabel und auch Antenne (DVB-T). Auf der Gegenseite rüstet sich IPTV, was zunächst nichts anderes bedeutet als Fernsehübertragung per Internet Protocol (IP) – nicht unbedingt per Internet. Die Telekom hat hier ihr neues V-DSL-Netz auf dem Zettel.

Hinter arena steht mit Unity Media die Muttergesellschaft der Kabelnetzbetreiber iesy, ish und Tele Columbus. Deren strategisches Ziel ist es, mit Hilfe der Bundesliga das digitale Fernsehen – hier: DVB – im Kabel voranzubringen und damit ein neues Geschäftsmodell zu installieren, das sich in anderen Ländern seit Jahrzehnten bewährt hat, aber in Deutschland (aus politischen Gründen, die Anfang der 80er Jahre zu lokalisieren wären) bislang nicht zum Zuge kam.

Dieses besagte Modell sieht vor, dass

  1. Kabelnetzbetreiber unterschiedliche Programmpakete zu unterschiedlichen Preisen anbieten und
  2. TV-Sender einen Teil der Einnahmen erhalten (in Deutschland müssen sie an Kabelnetzbetreiber zahlen!).

Es bekommt also nicht jeder Zuschauer jedes Programm zum Einheitspreis, sondern es gibt Unterschiede. Dieser Ansatz zielt auf breite Zuschauerschichten, die mit verschiedenen Angeboten erreicht werden sollen. Die Bundesliga ist in diesem Szenario (nennen wir es das arena-Modell) ein Marketingwerkzeug für die Einführung eines neuen Geschäftsmodells im TV-Kabel.

Premiere hingegen hat von Anfang an einen Premium-Ansatz verfolgt, also eine kleinere Zielgruppe angesprochen und demzufolge sehr lange für den Aufbau seiner Kundenbasis gebraucht. Partner Telekom, früher selbst im Kabelgeschäft unterwegs, will die Bundesliga nebst Premiere als Marketingwerkzeug für den Vertrieb der nächsten DSL-Generation einsetzen. V-DSL soll neben Kabel, Satellit und Antenne der vierte Übertragungsweg für digitales Fernsehen werden.

Etwas kompliziert wird die Angelegenheit dadurch, dass IPTV keinesfalls an V-DSL gebunden ist. Denkbar wäre durchaus auch IPTV via Kabel oder Satellit (sofern das Thema Rückkanal gelöst werden kann und soweit das nötig ist). Und genau darum tobt der Streit zwischen DFL und arena auf der einen sowie Premiere und Telekom auf der anderen Seite: Erlauben die von der Telekom erworbenen „Internet-Rechte“ an der Bundesliga auch die Verbreitung via Kabel oder Satellit?

Falls ja, dann wäre eine erheblich größere technische Reichweite für das Premiere-Bundesliga-Telekom-IPTV denkbar. Denn V-DSL wird zum Start im August nur etwa drei von 37 Millionen Fernsehhaushalten erreichen können. Und das bisherige DSL soll erst später für die Bundesliga erschlossen werden.

Was ist also letzte Woche geschehen? Nicht viel, meint Kai Pahl (allesaussersport.de):

Die Neuigkeit vom Freitag ist keine Neuigkeit, sondern
zurrt nur das Minimum fest, was nach Gerüchtelage eh schon Stand der
Dinge war. Unterschriften auf Papier. mehr ist nicht passiert.

Sehr viel, schreibt hingegen Alexander Endl im Zielpublikum Weblog:

Bisher galt es doch immer so: Interaktives Fernsehen scheiterte am
Rückkanal, weswegen sich Kabelnetzbetreiber ja nun auch als
Daten-Anbieter gerieren. Doch bei allem Bemühen: Es fehlte am Angebot,
weil die Nachfrage fehlte, die fehlte, weil es kein Angebot gab.
Staatlich subventionieren durfte man nicht und so blieb alles im Grunde
wie es war.

Nun aber zwingt man die Telekom (die wohl eher freiwillig und mit
Kalkül) und PREMIERE (unfreiwillig und mit Wasser bis zum Hals) zur
Geburt des interaktiven Fernsehens, mit dem die Medienlandschaft lange
schwanger trug.

Sollte es Telekom und PREMIERE gelingen, das Konzept tatsächlich
umzusetzen und nur halbwegs an den Mann zu bringen, dann dürfte das die
Fernseh- und Medienlandschaft auf den Kopf stellen. Man wird kaum
gucken können, bis andere auch auf die Box wollen, ganz vorne die
Shopping-, Lebensberater- und Erotik-Sender. Es wird davon abhängen, ob
die Telekom zwanghaft eine Monopolstellung anstrebt und ob sie anderen
Daten-Carriers ermöglicht (und zu welchen Konditionen) die neue Box mit
zu bedienen. Denn ohne einen Standard, auf den andere aufspringen
können und eine einheitliche Box wird das Unternehmen scheitern.

Nur
wenn auch die öffentlich rechtlichen Sender und die Privatsender über
kurz oder lang mit aufspringen und die Übertragung via DSL
unterstützen, wird sich die Box auch in Haushalten verbreiten. Hier
wird sich zeigen, ob die Interessen der Telekom (die gern an
Verdrängung statt Kooperation interessiert zu sein scheint –
verständlich aus deren Sicht im Übrigen) und die Interessen von
PREMIERE im Widerstreit zu einem vernünftigen Ergebnis kommen.

Aber wenn man mich fragt: Aus der Not geboren haben wir gerade die Geburt des interaktiven Fernsehens erlebt.

Weltreise

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Eine Episode muss ich unbedingt noch loswerden. Es war am 11. Mai 2006, vormittags um halb zehn. Ein paar Stunden, bevor 500 Kongressbesucher in unsere Halle strömen sollten.

Ich brauchte einen Artikel aus der Welt vom gleichen Tag im Original. Und ich dachte an das famose Ganzseitenarchiv der Welt. Der Haken war nur: Die tagesaktuelle Ausgabe gibt es dort nicht, sondern nur bei newsstand.de, und zwar für den überschaubaren Preis von 1 EUR.

Kein Problem, dachte ich. Kollege Themenblogger warnte mich sofort: Das dauere mindestens eine Stunde und sei furchtbar umständlich. Aber ok – Probleme sind dazu da, gelöst zu werden. Dachte ich.

Eine Recherche auf dem Desktop brachte einen alten Newsstand-Account zutage, den besagter Kollege vor Jahren angesichts ähnlicher Bedarfslage angelegt hatte. Auch das Kennwort war aufzutreiben. Also alles bestens?

Weit gefehlt. Um den einen Euro loszuwerden, brauchte ich bei Newsstand einen Click&Buy-Zugang von FirstGate. Kein Problem, dachte ich. Hatte ich doch vor ein paar Monaten einen solchen eingerichtet, um damit einen renommierten Branchendienst zu abonnieren.

Die Zugangsdaten waren leicht zu finden. Also flugs angemeldet und zu bezahlen versucht. Doch der Klick&Kauf-Zugang vom ErstenTor war nicht ganz der richtige, sondern musste noch erweitert werden. Kein Problem. Fehlende Daten eingegeben und fertig.

Dachte ich. Doch die Kreditkartennummer war schon für ein anderes Konto in Verwendung. Kein Wunder, schließlich handelte es sich um eine Firmenkreditkarte. FirstGate hat für diesen Fall einen Anruf im Kölner Callcenter vorgesehen.

Den ich also tätigte. Der freundliche Telefonist schickte mir ein Formular per Mail, das auszudrucken, auszufüllen
und zusammen mit Kopien meiner Ausweispapiere zurückzufaxen wäre. An dieser Stelle wollte ich schon abbrechen. Zuviel ist zuviel.

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Aber die Kollegin, die das andere Konto angelegt hatte, konnte sich sogar noch an das Kennwort erinnern. Und das funktionierte auch. Tatsächlich hielt ich einige Zeit später die digitale Welt-Ausgabe vom 11. Mai in Händen. (Davon, wie hundsmiserabel die Newsstand-Software ist, die zum Glück schon installiert war, warum auch immer, möchte ich jetzt lieber schweigen.)

Leider fehlt in der Newsstand-Ausgabe der Hamburger Lokalteil. Ein Euro und eine Stunde Zeit für nix.

Mir klungen die weisen Worte von Matthias Döpfner in den Ohren:

Die Zukunft der Zeitung ist digital. […] Wir Verlagsmanager müssen uns deshalb noch bewußter werden, daß unser Geschäft nicht das Bedrucken von Papier ist, sondern Journalismus. Journalismus im Internet und Zeitungsjournalismus. Und beide folgen unterschiedlichen Gesetzen. […] Wir müssen allerdings aufpassen, daß wir es auf dem Weg zu mehr Leserfreundlichkeit nicht übertreiben und aus Kundenorientierung Orientierungslosigkeit und Charismaverlust wird.

Schülerzeitung goes DTP

Teil 3 der mehrteiligen Serie zum zwanzigjährigen Bestehen der Page und zum zehnjährigen Bestehen von SinnerSchrader. Teil 1: Computersozialisierung bei Horten, Teil 2: Ein seltsames Protokoll

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Das Schülerzeitungsprojekt professionalisierte sich zunehmend: nationale Anzeigenkunden, höhere Verbreitung – und immer noch ein Schriftbild aus dem 9-Nadeldrucker. Es war schrecklich. Wir bewunderten die visuelle Sprache der neuen Magazine wie Wiener, Basta und schließlich Tempo – und uns fiel die erste PAGE in die Hände. Es musste was geschehen – nur was? Das Traumpaar Mac & Laserwriter war für uns völlig unerschwinglich.

Und hier beginnt die Geschichte des Atari ST und eines seltsamen Ausfluges heimischer Software-Entwickler in die grafische Industrie. Schuld war wohl ursprünglich Franz Schmerbeck. Er schrieb mit Signum2 für den Atari eine Textverarbeitung und hatte dabei eine geniale Idee: Für die Druckausgabe der gerade auf den Markt gekommenen 24-Nadeldrucker nutzte er nicht die eingebauten Druckerschriften, sondern ließ die komplette Textseite als Bitmap-Datei aufbereiten.

Dabei steuerte er die einzelnen Drucknadeln durch zeilenweisen Versatz so geschickt an, dass die 24-Nadler eine native Druckauflösung von 360 dpi erzielten – höher als jeder Laserdrucker damals. Gleichzeitig entwickelte er Tools, mit dem Schriftenliebhaber hochwertige und hochaufgelöste Bitmap-Fonts selbst entwickeln konnten. Innerhalb kürzester Zeit wurde Signum2 zur beliebtesten Textverarbeitung auf dem Atari und es entstand innerhalb weniger Monate eine große Schriftenbibliothek.

Mittels Signum und der Zoom-Taste des Schulfotokopierers erreichten wir 1986 fast Fotosatzqualität im Mengentext. Und dann überraschte uns Christian Griesbeck Ende desselben Jahres mit Calamus. Calamus war nicht nur ein ausgewachsenes rahmenorientiertes Layoutprogramm: Der junge Griesbeck hatte fast im Alleingang quasi nebenbei ein eigenes grafisches Betriebssystem entwickelt. Er verzichtete auf alle GEM-Routinen des Atari-Betriebssystems für die Bild- und Druckausgabe und setze sowohl für die Bildschirm- als auch Druckausgabe eigene Softripping-Algorithmen ein.

Während man auf dem Pagemaker noch Headlines in Klötzchenoptik sah (Adobe rückte erst vier Jahre später den ATM raus), konnte man mit Calamus Ende 1986 bereits auf dem Bildschirm 1:1 in der Belichterauflösung von 2540 dpi arbeiten. Es haute uns schier aus den Socken. Adobe und Steven Jobs griffen das Konzept wenig später unter dem Begriff Display Postscript auf – kriegten es aber unter NextStep nie performant. Wir hingegen layouteten nun für unsere Zeitung Tag & Nacht. Hatten viel Spaß, lernten viel und waren glücklich.

Fortsetzung folgt

E-Commerce und Marke

Trotz aller Euphorie in Sachen Web 2.0 wollen wir das Thema E-Commerce nicht aus den Augen verlieren (zumal das eine auch eine Menge mit dem anderen zu tun hat). Das Fachblatt InternetHandel aus dem Hause HSID (bekannt durch guenstiger.de) hat jetzt auch ein Blog. Und weil die Jungs nicht dumm sind, haben sie für die nächste Ausgabe Malte Blumenthal befragt und einen Gesprächsauszug im Blog publiziert. Ein Auszug daraus hier:

Ich empfehle kleineren Online-Shops, sich nicht allzu viele Gedanken über ihre Marke zu machen. Vielmehr sollte eine klare und saubere Positionierung angestrebt werden. “Was bieten wir unseren Kunden? Was macht uns einzigartig?” – daraus ergibt sich eine Marke oder nicht.